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Liebe Schwestern und Brüder,

Ich wünsche dir nicht
alle möglichen Gaben.Ich wünsche dir nur,
was die meisten nicht haben:
Ich wünsche dir Zeit,
dich zu freun und zu lachen,
und wenn du sie nützt,
kannst du etwas draus machen.

Was für ein ungewöhnlicher Wunsch-Beginn: ich wünsche dir NICHT! Das fängt ja gleich mal gut an in diesem neuen Jahr 2020. Gleich mal ein NEIN. Aber das wäre natürlich viel zu kurz gegriffen, würde man so denken. Dieses wunderbare Gedicht von Elli Michler kam mir sofort in den Sinn, als wir im Redaktionsteam das Thema „Zeit, nimm Sie dir“ ausgemacht haben. Zeit ist ein ungemein wertvolles Gut. Ein unglaublich gerechtes Gut, denn jedem Menschen ist exakt das gleiche Zeitmaß gegeben, egal, wo und wie er oder sie lebt. Und uns allen ist aufgetragen, das Beste aus der Zeit zu machen. Diesem Wunsch entsprechen wir natürlich gern, wer will denn schon gern unnötig Zeit verschwenden. Aber gleich zu Beginn tritt Elli Michler auf die Bremse, zeigt an: du hast nicht alle Möglichkeiten, du kannst, aber auch du musst nicht alles können, weil dir eh nicht alle Gaben, also Fähigkeiten, Talente und Möglichkeiten gegeben sind. Du hast nur ein paar, aber diese nimm wahr, nimm ernst, nimm ehrlich. Vielleicht ist uns noch gar nicht bewusst, was in uns steckt. Was wir alle können, wenn wir wollen: freuen und lachen, also das Leben von der positiven Seite zu betrachten. Bei allen Schwierigkeiten, die das Leben bringt, dürfen wir das Gute in unserem Leben entdecken und immer neu ergründen.

 

Ich wünsche dir Zeit
für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst,
sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit –
nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit
zum Zufriedenseinkönnen.

Zeit, sie ist nur für mich da. Die beste Zeit ist die, die ich mit anderen teile. Ob ich das in intensiven Gesprächen, in netten Begegnungen, in freudigen Momenten oder auch in schweren Stunden mache, es ist wertvoll, meine begrenzte Lebenszeit nicht nur bei mir zu belassen, sondern sie mit anderen zu teilen. Wir Menschen brauchen den Austausch, die gegenseitige Wertschätzung, die Anerkennung, den Zuspruch. Aber nicht weniger wichtig ist es, dass wir am Ende eines Tages nach Hause gehen und sagen können: Gott, ich danke dir, dass es wieder ein schöner Tag war. Und wenn ich an diesem Tag auch nur einem Menschen ein Lächeln ins Gesicht
zaubern konnte, einem Menschen Stütze sein durfte, einem Menschen aufgeholfen habe aus seiner Traurigkeit – da kann ich aus der Tiefe meines Herzens zufrieden sein.

Ich wünsche dir Zeit –
nicht nur so zum Vertreiben.
Ich wünsche, sie möge dir übrig bleiben
als Zeit für das Staunen
und Zeit für Vertraun,
anstatt nach der Zeit
auf der Uhr nur zu schaun.

Vertrauen – welch großes Wort in unseren Tagen. Wie oft merken wir, dass unser Vertrauen nicht ernst genommen wurde, wir uns nicht wirklich wertgeschätzt fühlen. Vertrauen ist für mich ein großes Wort in der zwischenmenschlichen Begegnung. Ich bin dankbar für jeden Menschen, dem ich einfach vertrauen kann, weil ich Offenheit und Ehrlichkeit erfahre. Das sind unsere Grundwerte, die ein menschliches Miteinander erst möglich machen. Wenn ich immer Sorge tragen muss, ob ich dem anderen vertrauen kann, dann würde ich mich nur noch zurückziehen. Vertrauen heißt für mich auch, dass mir jemand ehrliche Kritik schenkt, wenn etwas nicht stimmt, auch wenn das schmerzhaft ist. Aber es bringt mich weiter.

Ich wünsche dir Zeit,
nach den Sternen zu greifen,
und Zeit, um zu wachsen,
das heißt, um zu reifen.
Ich wünsche dir Zeit,
neu zu hoffen, zu lieben.
Es hat keinen Sinn,
diese Zeit zu verschieben.

Nach den Sternen greifen – hat sich da nicht so mancher schon die Finger verbrannt? Ich denke, hinter diesem Wunsch steckt eher die Sehnsucht, nicht nur im hier und jetzt stehen zu bleiben, auch wenn das vielleicht gemütlich ist. Das Verlassen der Komfortzone ist immer mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden, aber nur, wer sich im Leben etwas traut, der wird vorankommen, der wird reifen, der wird Erfahrungen machen, die man sich so nicht vorstellen kann. Dazu gehört viel Mut. Manch einer macht das freiwillig, so viele müssen diese Erfahrung machen, wenn sich das bisherige Lebensumfeld auf welche Weise auch immer ändert. Aber es ist ein schönes Bild, zu erahnen, dass nicht jede Veränderung automatisch etwas negatives ist. Wer vor der Mauer steht, der sieht nicht die Zukunft, aber mein Primizspruch: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ hat mir schon manchen neuen Lebenshorizont eröffnet.

Ich wünsche dir Zeit,
zu dir selber zu finden,
jeden Tag, jede Stunde
als Glück zu empfinden.
Ich wünsche dir Zeit,
auch um Schuld zu vergeben.
Ich wünsche dir: Zeit
zu haben zum Leben!

Zeit zu haben zum Leben! Mehr Wunsch braucht es nicht. Ich wünsche ihnen für dieses neue Jahr 2020, dass Sie spüren, Sie werden nicht gelebt, nein, SIE leben und haben das Leben in Fülle, das Gott uns immer neu verheißt.

Gottes Segen für das neue Jahr
Pfr. Michael Erhart

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