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Liebe Schwestern und Brüder!

AN(GE)KOMMEN

Angekommen in Zeil –

„Warum gerade Zeil?“ fragten mich meine Bekannten und Freunde, als ich daran war, meinen Altersruhesitz festzulegen. „Warum nicht Kitzingen, wo du geboren und aufgewachsen bist, oder Würzburg, wo du doch acht Jahre das Kilianeum geleitet hast, oder die Rhön oder Schweinfurt, wo du vierzehn Jahre Pfarrer und zum Schluss auch Dekan warst? Warum willst du die kommenden, wahrscheinlich deine letzten Jahre in Zeil verbringen?“

Ja einfach, weil es mir hier in den letzten fünf Jahrzehnten am besten gefallen hat und weil hier auch noch alte Bekannte und guten Freude wohnen.

Sicher, als ich damals nach Zeil gezogen bin, hatte ich mein Berufsleben zum größten Teil noch vor mir. Ich war jung und tatendurstig. Die Jugendarbeit hat mir viel Spaß und echte Freude bereitet. Als Regional-jugendseelsorger im Landkreis Haßberge, am Gymnasium in Haßfurt hatte ich mit jungen Leuten zu tun, denen ich beistehen durfte und die ich begleiten konnte. Und letztlich die wunderbare Aufgabe, Pfarrer in Krum zu sein – aber dennoch im Pfarrhaus in Zeil zu wohnen und Pfarrer Heßberger mitzuhelfen, hatte einen ganz besonderen Reiz. Ich sagte schon damals, wenn mich jemand fragte, wo meine Heimat sei: „Ich stamme zwar aus Kitzingen, aber meine Wahlheimat sind die Haßberge.“ Was diese Gegend so liebenswert macht, sind die freundlichen, offenen Menschen, die wunderbare Natur, die Wälder, Hügel und Höhen, aber auch das Maintal, die Biere und Weine aus der Gegend.

Angekommen im Ruhestand.

Auch diese Lebensphase hat verschiedene Seiten. Zunächst ist es befreiend, aus dem Stress des Berufslebens auszusteigen.
Keiner schreibt einem vor, was zu tun ist. Ich kann meine Zeit einteilen und stehe nicht mehr unter dem Diktat des Terminkalenders. Und ich kann mir die Tätigkeiten aussuchen, die mir Spaß macht und die ich schon lange in Angriff nehmen wollte.

Aber die andere, weniger angenehme Seite des Pensionistendaseins ist, dass ich keine Verantwortung mehr habe, das heißt, dass ich dann auch nicht mehr so gebraucht werde wie früher. Jetzt heißt es zurück-zutreten, anderen die Verantwortung zu überlassen, die vielleicht ganz anders arbeiten als ich.

Ja, da ist Demut gefordert, Abschiednehmen und sich hinten anstellen. Das ist ein wenig schmerzlich und braucht etwas Trauerarbeit.

Ganz abgesehen davon, dass die zunehmenden Jahre auch sich gesundheitlich auswirken. Man ist nicht mehr so fit und leistungsfähig. Die kleinen und größeren Wehwehchen nehmen zu. Zum Glück sind noch der Geist und der Verstand leistungsfähig.

Angekommen in der „Heimat“?

Wenn ich die vergangenen Jahrzehnte überdenke, die verschiedenen Orte
meiner Tätigkeit, dann drängt sich mir ein der Gedanke auf: Ja, wo ist denn eigentlich meine Heimat? Das ganze Leben ist doch ein ständiges Kommen und Gehen, ein Abschied nehmen und ankommen.

Ein bedeutender Denker unserer Zeit, der Philosoph Ernst Bloch, hat mal in etwa folgenden Gedanken geschrieben:

„Der Mensch ist Zeit seines Lebens auf der Suche nach dem, was er als Kind erlebt und dann als Älterer verloren hat. Er sucht Zeit seines Lebens nach dem, worin noch niemand war: Heimat."

Ja, mit dem, was wir Heimat nennen, ist nicht so leicht umzugehen. Ein altes,
bekanntes Kirchenlied drückt es so aus:

„Wir sind nur Gast auf Erden und
wandern ohne Ruh mit mancherlei
Beschwerden der ewgen Heimat zu“.
(GL 505)

So bin ich also in Zeil gelandet und darf am Ende des Monats mein Goldenes Priesterjubiläum begehen mit allen, die mit mir feiern mögen.

Ein Kapitel im Rahmen des

„An(ge)kommens“ steht noch aus:

Es ist das „Angekommen im Geheimnis Gottes“. Es ist schön, dass ich manchmal  im täglichen kontemplativen Gebet etwas von seiner Gegenwart ganz entfernt
erfahren darf und seine Nähe spüre.

Der letzte große Schritt steht noch aus.

Und so bleibt aber für jetzt der frohe und hoffnungsvolle Gedanke, den mal der Dichter Hermann Hesse in seine Gedicht „Stufen“ so treffend ausgedrückt hat:

„Wir sollen heiter Raum um Raum
durchschreiten,

an keinem wie an einer Heimat hängen,

der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

Es wird vielleicht auch noch die
Todesstunde uns neuen Räumen jung
entgegensenden,

des Lebens Ruf an uns
wird niemals  enden.

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Gottes Segen Ihnen allen

Reiner Fries, Pfr. i. R.

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