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Liebe Schwestern und Brüder,

viele Menschen machen zu Beginn des neuen Jahres sich einen oder auch mehrere gute Vorsätze. Am beliebtesten ist da ja mehr Sport, was sich in „normalen“ Jahren an den deutlich gesteigerten Auslastungszahlen in Fitness-Clubs widerspiegelt (zumindest im Januar…), andere wollen auf den Glimmstängel oder sonst ein Laster verzichten.

Ich denke, in diesem Jahr sind manche Wünsche und Vorsätze aber anders als sonst. Die aktuellen Einschränkungen durch Corona nagen bei vielen Menschen an den Nerven und am Geldbeutel, Normalität und einen Alltag, wie wir in früher kannten, erscheint Lichtjahre weit entfernt, mindestens so groß wie der Abstand, den man zu seinem Mitmenschen halten soll.

Und dennoch kommt dieses Jahr 2021 und liegt vor uns, dass wir es ausfüllen und möglichst gut gestalten. Und da können die 10 Gebote tatsächlich eine Unterstützungshilfe sein. Nun mag sich manch geneigt LesendeR am Kopf kratzen: „Oh weh, bekomm ich die überhaupt noch zusammen?“ Aber keine Sorge, gehen wir doch einfach gedanklich ein paar Schritte gemeinsam:

Die ersten 3 Gebote betreffen das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen, also zwischen unserem Schöpfer und seinen Geschöpfen. Der Beginn will gleich eine Einladung zu Respekt und Wertschätzung sein, Gott gegenüber, aber natürlich auch der ganzen Schöpfung und allem, was lebt. Tier- und Naturschutz sind in der Bibel zwar nicht direkt benannt, können aber in dieser Aufforderung der Ehrerbietung Gottes mit eingeschlossen werden. Darüber hinaus werden wir motiviert, darauf zu achten, was wir in Worten von uns geben. Dass wir den Namen Gottes nicht verunehren sollen, hat natürlich viel mit dem Respekt vor Gott zu tun, aber es ist auch eine Aufforderung, das auf unsere Mitmenschen zu übertragen. Wie schnell können wir durch eine Aussage eine andere Person in der Seele schwer schädigen. Das kann unbedacht oder aus Unaufmerksamkeit passieren, aber es ist traurig, dass immer öfter ganz bewusst andere Menschen bloßgestellt, gemobbt werden. Die „sozialen“ Netzwerke sind da bisweilen asoziale Schauplätze von verbalen Misstönen und Tiefschlägen. Ein Wort, das einmal ausgesprochen ist, kann man nie mehr zurücknehmen, dies sollte uns immer bewusst sein.

Für die Menschen vor 3000 Jahren war das 3. Gebot „Du sollst den Sabbat heiligen“ geradezu ein Geschenk. Damals war es noch gängig, 7 Tage die Woche zu arbeiten. So ein bewusster Einschnitt dient der seelischen Gesundheit, dass das Leben nicht nur aus Arbeit besteht, sondern auch die Möglichkeit zur individuellen Entfaltung gewährleistet sein soll. Insofern fände ich persönlich es sehr schade, wenn der Sonntag zu einem fast normalen Wochentag verkommen sollte, wenn man ihn nicht auf besondere Weise schützt und würdigt. Genieße den freien Tag, auf dass du genießbar bleibst.

Die weiteren 7 Gebote zielen ja auf das menschliche Miteinander direkt ab. Und das 4. Gebot könnte man schlicht und einfach überschreiben mit dem Wort: Respekt! Hab Respekt vor deinen Eltern, die dich aufgezogen und gefördert haben, auch wenn man gerade in der Pubertät so manche elterliche Maßnahme nur sehr eingeschränkt versteht. Hab aber auch überhaupt Respekt vor älteren Menschen, die vielleicht deine Hilfestellung bräuchten, sich aber nicht trauen würden, dies zu äußern. Das kann das einfache Aufstehen im Bus für eine gebrechliche Person sein bis hin zur Geduld, dass bei älteren Menschen vieles einfach nicht mehr so schnell geht. Das ist zugegeben auch für mich ein herausforderndes Gebot...

Dass man nicht töten soll, das können wohl die meisten von uns unterschreiben. Aber töten geht nicht nur durch eine lebensbeendende Vollzugshandlung, ich kann mit Worten, mit Blicken, mit Gedanken töten. „Der/die ist für mich gestorben“ – wer hat das noch nicht schon mal gehört/gedacht/ausgesprochen? Wir haben eine Verantwortung füreinander, dass wir uns in aller Unterschiedlichkeit wahrnehmen.

Was gewiss bei den vielen Menschen eine Herausforderung wäre, wäre die Umsetzung des 7. Gebotes: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“ – also nicht lügen. Da wird sich bei ehrlicher Lebensbetrachtung manch eineR an die Nase fassen können, dass das nicht immer so leicht ist. Von der Verlegenheits-, über die Notlüge bis hin zu bewusstem Täuschen des Gegenübers ist die Bandbreite groß. Und mit dem falschen Zeugnis sprechen die 10 Gebote ja die Wahrhaftigkeit, die Aufrichtigkeit des Menschen an. Es kommt ja auch immer darauf an, wie ich etwas zu meinem Mitmenschen sage. Man kann eine Kritik einem Menschen hinhalten wie einen Mantel, in den man hineinschlüpfen kann, man kann sie einem auch wie einen Waschlappen um die Ohren hauen.

Und zuletzt schauen die 10 Gebote noch auf Besitz und Bedürfnisse. Es liegt im Urkern des Menschen, dass man gern so manches sein Eigentum nennt, aber allzu oft bleibt der Blick nicht auf dem eigenen Besitz, sondern man sieht beim Nächsten, dass dort scheinbar alles größer, toller, besser ist. Und ganz schnell ist die kleine Flamme mit großer Wirkung namens Neid geboren. Neid macht blind und kann so viel zerstören. Man sieht nicht mehr, was man selbst hat und die Unzufriedenheit macht unglücklich und blind. Vielleicht können wir aus dem scheidenden Jahr 2020 wenigstens eine positive Botschaft mitnehmen. Dieses Jahr hat uns doch mehr als deutlich gezeigt, worauf es im Leben wirklich ankommt: wir brauchen das menschliche Miteinander, wir freuen uns doch schon jetzt darauf, wenn wir mit vertrauten Menschen wieder näher zusammenkommen dürfen. Nicht der Besitz ist es, was wirklich zählt, sondern die Beziehung. Und so wünsche ich Ihnen trotz aller Einschränkungen einen guten Start in dieses Jahr 2021.

Ihr Pfarrer Michael Erhart

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